Einschätzungen der Stiftsbibliothek
Auszug aus: Der heilige Gallus 612/2012: Leben - Legende - Kult.
Katalog zur Jahresausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen
(27. November 2011 bis 11. November 2012), St. Gallen 2011
War es 612?Nicht immer stand 612 als Gründungsdatum St. Gallens fest. Hermann der Lahme von Reichenau († 1054) setzte das Ereignis in das Jahr 630. Die Zwiefaltener Annalen trugen es zum Jahr 632 ein. Der St. Galler Humanist Vadian notierte 614 als das Jahr, in dem Gallus sich in unserer Einöde niedergelassen habe, fügte aber später auch die Jahresangabe Hermanns des Lahmen hinzu. Seitdem die Chronologie der Wanderschaft Kolumbans gesichert ist, steht auch das Jahr der Ankunft von Gallus einigermassen fest.
Zwar gibt es eine Forschungsansicht, wonach Gallus nicht zu den Kolumban-Schülern gehört, sondern sich erst Jahrzehnte später als Einsiedler im Steinacher Forst niedergelassen habe. Dafür sprechen einige Angaben in den Lebensbeschreibungen des Heiligen, die besser in die Jahrzehnte 630/50 als in die frühere Zeit passen. Doch die gleichen Lebensbeschreibungen liefern authentische Zeugnisse für das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Kolumban und Gallus, an denen nicht gezweifelt werden kann.
Es gibt also keinen stichhaltigen Grund, das Jubiläumsjahr der Ankunft des Mönchs und Einsiedlers Gallus in der Wildnis am Wasserfall der Steinach nicht im Jahr 2012 zu begehen.
Wo kam Gallus her?Immer wieder wird die Frage nach der Herkunft des heiligen Gallus gestellt. Wenn man diesem Heiligen eine Ausstellung widmet und sich eingehend mit seiner Persönlichkeit und den Quellenzeugnissen beschäftigt, kommt man nicht darum herum, sich zur Herkunftsfrage ein eigenes Urteil zu bilden. Gallus trat als Vertreter des iroschottischen Mönchtums auf. Er wurde vom Abt Kolumban, der unbestreitbar aus dem irischen Kloster Bangor stammte, als geistlicher Erbe legitimiert; dieser versöhnte sich auf dem Sterbebett mit ihm und liess ihm seinen Abtsstab (cambutta) als Zeichen der äbtischen Autorität und Führungsaufgabe überreichen.
Einige Jahre später suchte eine Delegation irischer Mönche aus Luxeuil in den Vogesen Gallus in seiner Zelle auf, um ihn als Nachfolger ihres verstorbenen Abtes zu gewinnen. Demgegenüber ist nicht zu leugnen, dass Gallus der alemannischen Sprache mächtig war, dass er im Unterschied zu Kolumban auf Alemannisch predigte, in Tuggen, Bregenz und Konstanz. Weiter fällt auf, mit welchen Argumenten er gegenüber der erwähnten Mönchsdelegation aus Luxeuil seine ablehnende Antwort begründete: mit Stellen aus dem Evangelium, die das Zurückschauen des Arbeiters am Pflug, die Rückkehr in die Heimat untersagen. Es sind dies zentrale Bibelstellen für die irischen Mönche, die um Christi willen ihre Heimat verlassen haben, auf Pilgerschaft gegangen und heimatlos geworden sind.
Wäre also für Gallus Luxeuil seine verlorene Heimat gewesen? Wäre er erst in Luxeuil zu den irischen Mönchen gestossen?
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